Nicht jede Frau, die eine belastende Geburt erlebt hat, entwickelt eine Traumafolgestörung.
Und nicht jede Frau, die eine Traumafolgestörung entwickelt, erkennt sie sofort.
Genau das macht dieses Thema so schwierig.
Denn viele Betroffene kommen gar nicht auf die Idee, dass ihre Beschwerden mit der Geburt zusammenhängen könnten.
Stattdessen denken sie:
“Ich bin einfach seit der Geburt irgendwie anders.”
“Ich bin viel empfindlicher geworden.”
“Ich bin einfach keine entspannte Mama.”
Oder sie geben sich selbst die Schuld.
Dabei reagiert ihr Nervensystem möglicherweise ganz normal auf etwas, das bis heute nicht vollständig verarbeitet werden konnte.
Dein Körper erinnert sich – auch wenn du es gar nicht möchtest.
Vielleicht kennst du das. Jemand erzählt von seiner Geburt. Im Fernsehen läuft eine Szene im Kreißsaal.
Du riechst etwas, hörst einen Satz oder kommst an dem Krankenhaus vorbei.
Und plötzlich passiert etwas.
Dein Herz schlägt schneller. Dir wird flau im Magen.
Vielleicht beginnst du leicht zu schwitzen oder merkst, wie sich dein ganzer Körper anspannt.
Manche Frauen beschreiben das Gefühl, als wären sie plötzlich wieder mitten in der Geburt.
Weil ihr Körper sie gedanklich dorthin zurückbringt. Dieses Wiedererleben nennt man Flashback. In dem Moment
unterscheidet unser Körper nicht zwischen Gedanke und Realität. Er reagiert, als würde es JETZT passieren.
Es fühlt sich oft nicht wie eine Erinnerung an. Sondern wie ein erneutes Durchleben.
Und genau das lässt viele Frauen verzweifeln.
Sie sagen: “Ich möchte doch endlich damit abschließen. Warum passiert das immer wieder? Warum geht es mir damit immer noch so schlecht?”
Die Antwort lautet:
Weil dein Nervensystem dir helfen möchte.
Es versucht, etwas zu verarbeiten, das damals zu überwältigend war.
Nicht nur Erinnerungen können belastend sein
Vielleicht erkennst du dich auch an anderer Stelle wieder.
Vielleicht kennst du den Moment: dein Baby schläft endlich. Du bist erschöpft, du bist todmüde.
Und trotzdem kannst du nicht einschlafen. Und das nicht, weil das Baby dich wach hält,
sondern weil dein Kopf einfach nicht zur Ruhe kommt. Vielleicht wachst du auch morgens viel zu früh auf, obwohl du noch hättest schlafen können.
Vielleicht leidest du unter Albträumen? Vielleicht erschrickst du plötzlich bei Kleinigkeiten, bei denen du früher gar nicht reagiert hättest.
Vielleicht merkst du, dass du schneller gereizt bist. Oder dass du Gespräche über Schwangerschaft und Geburt bewusst vermeidest.
Nicht jede Frau erlebt all diese Anzeichen. Und selbstverständlich können solche Beschwerden auch andere Ursachen haben,
zum Beispiel eine postpartale Depression oder die übliche Belastung nach einer Geburt.
Aber wenn du das Gefühl hast, dass sich seit der Geburt etwas grundlegend verändert hat und dich diese Veränderungen belasten,
dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht, um dich selbst diagnostizieren zu können, sondern damit du verstehst,
was dein Körper dir vielleicht sagen möchte.
"Mir wurde die erste Stunde mit meinem Baby genommen".
Diesen Satz, höre ich von betroffenen Frauen immer wieder.
Wenn wir von dem Verlust der ersten ("goldenen") Stunde nach der Geburt sprechen, denken viele sofort,
dass Mutter und Kind getrennt wurden. Doch manchmal ist etwas anderes gemeint. Viele Frauen waren zwar bei ihrem Baby.
Aber innerlich waren sie noch gar nicht bei sich angekommen, sodass sie diese Stunde nicht genießen konnten.
Sie beschreiben das Gefühl, wie benommen gewesen zu sein. Als würden sie alles nur durch eine Glasscheibe erleben.
Sie haben ihr Baby gesehen. Vielleicht sogar im Arm gehalten.
Und trotzdem konnten sie diesen Moment gar nicht richtig wahrnehmen.
Warum?
Weil ihr Nervensystem noch im Überlebensmodus war.
Während andere von der „goldene ersten Stunde“ sprechen, kämpfte ihr Körper noch damit zu begreifen, was gerade passiert war.
Das hat auch überhaupt nichts mit fehlender Liebe oder Zuneigung zu tun. Und das ist auch nichts, was sie entscheidet, das passiert einfach.
Und es macht dich nicht zu einer schlechteren Mutter.
Es ist eine Schutzreaktion des Nervensystems.
Es fühlt sich an wie Schuld, obwohl es darum nie ging.
Ich kenne viele Frauen, die sagen:
“Ich wollte meinem Baby doch den bestmöglichen Start ins Leben schenken.”
“Ich hätte mich doch freuen müssen.”
“Warum konnte ich die Zeit mit meinem Baby nicht sofort genießen?”
Und auch, wenn du dein Baby nicht halten wolltest, weil die Geburt zu überwältigend für dich war, möchte ich dir sagen:
Du hast dein Baby nicht im Stich gelassen.
Du hast dich nicht gegen dein Kind entschieden.
Dein Nervensystem hat in diesem Moment alles getan, was es tun konnte, um dich zu schützen.
Das Problem ist nur:
Ein Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer Gefahr, die längst vorbei ist, und einer Gefahr, die noch besteht.
Deshalb dauert es bei manchen Frauen eine Weile, bis sie wirklich wieder bei sich selbst ankommen.
Und erst dann kann der Raum entstehen, das Baby bewusst wahrzunehmen.
Ich wünsche mir so sehr, dass Frauen aufhören, sich für diesen Moment zu verurteilen.
Denn Bindung entsteht nicht nur in der ersten Stunde.
Sie entsteht jeden Tag.
Mit jeder Berührung.
Mit jedem Blick.
Mit jedem Trösten.
Mit jedem gemeinsamen Lachen.
Die erste Stunde ist wertvoll.
Aber sie entscheidet nicht darüber, ob du eine gute Mutter bist oder ob dein Kind eine sichere Bindung entwickeln kann.
Fortsetzung folgt in Teil 3 …
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen
Vielleicht hast du dich beim Lesen an mehreren Stellen wiedererkannt.
Vielleicht hast du zum ersten Mal verstanden, warum dich die Geburt deines Kindes bis heute beschäftigt.
Oder warum bestimmte Erinnerungen immer wieder auftauchen.
Wenn das so ist, möchte ich dir eines mitgeben:
Du musst nicht lernen, einfach damit zu leben.
Ein Geburtstrauma kann verarbeitet werden. Nicht, indem du vergisst, was passiert ist, sondern indem die
Erinnerung ihren Schrecken verliert und dich nicht länger in deinem Alltag bestimmt.
Wenn du das Gefühl hast, dass dich deine Geburt noch immer belastet, vereinbare gerne ein
kostenloses und unverbindliches Erstgespräch mit mir. Gemeinsam schauen wir, ob ich dich auf deinem Weg begleiten kann oder welcher nächste Schritt für dich sinnvoll ist.
Du begleitest Frauen rund um Schwangerschaft und Geburt?
Vielleicht arbeitest du als Doula, Birthkeeperin, Geburtsbegleiterin, Mütterpflegerin oder Prä- und Postpartum-Coach und hast dich beim Lesen gefragt, wie du Frauen mit belastenden Geburtserfahrungen noch sicherer und traumasensibler begleiten kannst.
Genau dafür habe ich meinen Kurs Beside entwickelt.
Dort erfährst du unter anderem, wie Traumafolgen entstehen können, woran du Warnzeichen erkennst, wie du betroffene Frauen sicher begleitest
und wo die Grenzen deiner Begleitung liegen.
Denn auch wenn du keine Therapeutin bist, kannst du für eine Frau einen entscheidenden Unterschied machen.
Im nächsten Bologartikel geht es darum, wie alte Erfahrungen die Geburt beeinflussen können.
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Falls du den letzten Blockartikel noch nicht gelesen hast "Warum du die Geburt nicht vergessen kannst" dann klicke hier
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